Schnipsel oder Sternchen

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Karin Schneider-Jundt

Schnipsel oder Sternchen ?

 

SchnipselKinderzeich 05

Dies ist die Geschichte, wie aus dem armen Glühwurm Schnipsel

das glückliche Leuchtkäferchen Sternchen wurde.

 

Ein kleines Wort zu dieser Geschichte

Eine Zeitlang half ich einem Gemeindepädagogen, der in unserer Kirchengemeinde eine Mädchengruppe leitete.

Die Mädchen waren im Alter von 8 – 12 Jahren.

Zu meinem Erstaunen schloss sich uns immer wieder ein älterer Junge an.

Er war recht unscheinbar, mollig und schüchtern und hielt sich stets stumm im Hintergrund.

Auf meine Frage, wer das sei, erhielt ich die gelangweilte Antwort: “Ach, das ist nur die dicke Kartoffel.“

Mich machte das sehr betroffen und ich schrieb daraufhin die nachfolgende Geschichte.

Einige der Mädchen malten mir dazu Bilder, nachdem ich ihnen die Geschichte vorlas.

 

 ©Copyright 2011

  Karin Schneider

1.Auflage 2011

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und kann privat- und strafrechtlich verfolgt werden.

Karins Logo mit Bindestrich

Hokus Pokus…..

Hokus, Pokus, Fidibus, mit den Sorgen ist jetzt Schluss.

Wirf den alten Pferdefuß schnell in einen tiefen Fluss!

Komm, vergiss das dumme Fragen:

Was, wieso, wozu, warum!

Ständig um sich selber kreisen macht nur müde, alt und dumm.

Lass dich doch vom Hafer stechen – Hafer ist gesund!

Nimmst so manche steile Hürde und erkennst, die Welt ist bunt.

Simsalabim, simsalabum dreh dich nicht um, denn der Plumpsack geht um.

Simsalabum, simsalbim schnapp ihn und wirf ihn dem Teufel an´s Kinn.

Willst du ewig weiter schimpfen über die und den und mich?

Deine Stimme kriegt schon Falten – lässt dich sicher bald im Stich.

Spuck sie aus, die gift„ge Galle, denn ihr Grün, das steht dir nicht.

Eine Hand voll Liebesperlen klärten manchem schon die Sicht.

Hokus, Pokus, Fidibus, mit den Sorgen ist jetzt Schluss.

Pfeife auf den Pferdefuß, gib dem Leben einen Kuss. 

Höre endlich auf zu jammern über dies und das und dich.

Schadest damit nur dir selber und kriegst Runzeln im Gesicht.

Schießt da einer spitze Pfeile –fang sie auf und schieß zurück.

Besser noch: Du greifst dir einen und spießt damit auf das Glück.

Schnippe schnappe, schnippe schnappe lockt die Schere auf der Pappe.

Bastle dir ein Mondgesicht – schau es an und freue dich!

Warum dieses sture Zweifeln an der Welt, an dir, am Glück?

Du vergisst: Vom vielen Grübeln wird man nämlich auch noch dick.

Andrerseits frisst stetes Brüten deine Polster langsam auf,

und als dürre Hopfenstange bist du auch nicht besser drauf.

Hokus, Pokus, Fidibus, mit den Sorgen ist jetzt Schluss.

Steige auf die Himmelsleiter,  du wirst sehn, so kommst du weiter.

Gib dem ollen Pferdefuß endlich seinen Gnadenschuss! 

Bitte unten auf den kleinen Pfeil clicken um das Lied zu hören.

Für meine Tochter Katja

Ein Auszug aus dieser Geschichte

Schnipsel oder Sternchen

Ich möchte euch heute die Geschichte von Schnipsel, dem Glühwürmchen, erzählen.

Habt ihr euch eigentlich schon einmal in einer lauen Sommernacht von dem Lichtertanz der Glühwürmchen verzaubern lassen? Dann wisst ihr sicher, dass die Glühwürmchenjungen ein Laternchen besitzen, um die Glühwürmchenmädchen damit zu beeindrucken.

Warum unser Schnipsel diesen wenig schmeichelhaften Namen trug, hätte keiner so richtig zu erklären gewusst. Die Welt der Glühwürmchen kann gelegentlich recht grausam und ungerecht sein.

Schnipsel war eben Schnipsel, weil er schnipselig aussah und sich schnipselig verhielt. Punkt! Aus!

Eigentlich hieß Schnipsel allerdings mit richtigem Namen Sternchen, denn seine Eltern hatten ihm bei seiner Ankunft hocherfreut ein ganz wertvolles, besonders hell leuchtendes Laternchen überreicht.

Das wusste jedoch außer ihnen keiner, da Schnipsel sein Laternchen noch nie in der Öffentlichkeit vorgeführt hatte.

Nun könnte man ohne Frage einwenden, dass Schnipsel tatsächlich etwas eigenartig gewesen sein muss. Wer verheimlicht denn schon absichtlich etwas derart Wichtiges?

Aber das ist so nicht ganz richtig. Damals, als winzig kleines Glühwürmchenkind, glaubte Schnipsel nämlich felsenfest daran, mit seinem strahlenden Laternchen die ganze Glühwürm-chenwelt im Sturm erobern zu können. Das war, als ihm die Eltern sein Laternchen zum ersten Mal vorführten.

„Oh, wie schön. Vielen, vielen Dank.“ Entzückt bestaunte Schnipsel den hellen Lichtstrahl, der die Dunkelheit um ihn herum durchbrach und klatschte begeistert in seine kleinen, runden Händchen.

„Nun probier du es“, forderten die Eltern ihr Glühwürmchen-söhnchen voller gespannter Erwartung auf.

Schnipsel, doch halt, ab jetzt will ich Sternchen bei seinem richtigen Namen nennen. Ich finde, das gehört sich einfach so!

Mit vor Eifer rotglühenden Bäckchen wollte also Sternchen nun selbst sein kostbares Laternchen zum Leuchten bringen. Doch vor lauter Aufregung gelang ihm das nicht auf Anhieb. Eilig startete es einen zweiten Versuch. Doch auch dieser missglückte, weil seine Fingerchen aus Angst zu versagen, leicht zu zittern begannen.

Die Eltern beobachteten diese tapsigen Versuche mit gemischten Gefühlen.

Der Vater rief nach einer Weile voller Ungeduld: „Du bist ein richtiger, kleiner Tollpatsch und wirst dein schönes Laternchen noch zerbrechen, wenn du dich weiterhin so ungeschickt anstellst. Merk dir: Die Laternen wachsen bei uns nicht auf den Bäumen. Es hat mich viel Mühe und Arbeit gekostet, dir eine so prachtvolle Gabe zu besorgen. Aus dir soll mal etwas Besseres werden. Ich dachte, du wüsstest das zu würdigen.“

Sternchen schluckte verschreckt.

„Sternchen ist eben langsamer und nicht so geschickt wie andere Glühwürmchenkinder. Lass ihm ein wenig Zeit, dann kriegt es das bestimmt hin“, versuchte ihn die Mutter mit besorgtem Blick zu beschwichtigen.

Sternchen war zutiefst betroffen. Es wollte doch seinen Eltern um keinen Preis Kummer bereiten. Ganz im Gegenteil. Nichts wünschte es sich sehnlicher, als sie stolz auf sich zu machen. Und das wunderhübsche Laternchen gar zu zerbrechen – welch grauenhafte Vorstellung!

Darum gab es sich bei seinen darauffolgenden Versuchen besonders viel Mühe. Aber vor lauter Unsicherheit bebten die kleinen Glühwürmchenfinger jetzt derart, dass an einen Erfolg nicht zu denken war. „Das kann man ja nicht mit ansehen. Geh irgendwohin, wo dich keiner beobachtet und üb´ dort weiter. Vielleicht schaffst du es ja doch noch irgendwann, das Natürlichste der Glühwürmchenwelt zu bewerkstelligen“, schimpfte der Vater und flog erbittert davon. Sein abfälliger Blick tat Sternchen sehr weh.

SchnipselKinderzeich 02

„Nimm es nicht so schwer. Ich habe dich dennoch sehr lieb“, murmelte die Mutter und strich Sternchen tröstend über das traurig gesenkte Köpfchen. Aber auch sie konnte ihre heimliche Enttäuschung nicht ganz verbergen.

Das arme Sternchen schlich daraufhin ganz geknickt unter eine Rosenknospe und machte sich wie befohlen an die Aufgabe, sein Laternchen zum Glühen zu bringen.

Aber seine anfängliche Freude und Begeisterung waren wie weggeblasen und an ihrer Stelle machten sich dicke, gefräßige Selbstzweifel breit. Verbissen mühte es sich mit seinem Laternchen ab. Doch vergebens. Es hatte den Anschein, als würde sich das Laternchen absichtlich seinen Anstrengungen widersetzen. Einmal wäre ihm das widerborstige Ding tatsächlich um ein Haar entglitten und auf dem Boden zerschellt.

Erschrocken hielt Sternchen inne. „Bin ich tatsächlich so viel ungeschickter als anderen Glühwürmchen?“ fragte es sich verzweifelt.

Im Haus der Glühwürmchen herrschte in den nächsten Tagen eine bedrückte Stimmung.

„Ich frage mich, von wem wohl unser Sohn diese Unbeholfenheit geerbt haben mag“, brummte der Vater kopfschüttelnd, als er Sternchen wieder einmal bei seinen erfolglosen Bemühungen ertappte. „Von mir ganz sicher nicht. In meiner Familie war der Glanz, den wir auf den Wiesen und Hängen der Umgebung verbreiteten, schon fast sprichwörtlich.“

Die Mutter zog bei dieser ätzenden Bemerkung schuldbewusst den Kopf ein und knetete unglücklich ihre Hände, während Sternchen dasaß und sich zu Tode schämte.

Nein, Sternchen war wirklich nicht zu beneiden.

Nachdem seine Eltern es noch mehrmals bei Misserfolgen erwischt und mehr oder weniger direkt getadelt hatten, musste es einsehen, dass sie wohl Recht hatten. Es taugte nicht dazu, ein erfolgreiches Glühwürmchen zu werden.

Die Mutter wollte ihrem kleinen Unglückswurm irgendwie behilflich sein und meinte nicht sehr überzeugend: „Wenn ich es so bedenke, schickt es sich eigentlich für ein wohlerzogenes Glühwürmchen nicht, um jeden Preis auffallen und die anderen übertrumpfen zu wollen. Womöglich erweckst du damit nur ihren Neid. Du kennst ja das gute alte Sprichwort: Bescheidenheit ist eine Zier….“

Sternchen starrte bedrückt vor sich hin.

„Und ich schlage dir vor: Vergiss dein Laternchen und such dir eine andere Beschäftigung. Damit ersparst du dir und uns wenigstens manchen Spott und Häme“, fiel der Vater recht verbittert ein.

Dieser jähe Stimmungsumschwung verwirrte Sternchen.

„Gibt es denn gar keine Möglichkeit, dass ich irgendwie lerne, mein Laternchen zum Leuchten zu bringen. Ich wünsche es mir doch so sehr“, wagte es einzuwenden und blickte flehend zu seinen Eltern auf.

Doch dieser Wunsch erfüllte sich nicht. Stattdessen erklärte der Vater ungeduldig: „Man muss lernen zu erkennen, wann man bei einer Sache gescheitert ist. Geh nach draußen, schau dich bei deinen Altersgenossen um und versuch dich nützlich zu machen. Wenn du Glück hast, findet sich vielleicht sogar einer, der dir ab und zu sein Laternchen ausleiht.“

Da bäumte sich etwas in Sternchen auf. „Ich finde, das ist Betrug“, platzte es heraus.

„Nein, das nennt man Vernunft. Streite nicht mit mir“, erwiderte der Vater streng.

Sternchen fühlte sich ganz zerrissen. Da besaß es nun ein wunderhübsches Laternchen, aber anstatt es gegen allen Widerstand hervorzuholen und unverdrossen weiter zu üben, um es zum Glühen zu bringen, gehorchte es schicksalsergeben diesem Befehl. Schließlich mussten Glühwürmcheneltern wohl am Besten wissen, was gut war für unerfahrene, kleine Glühwürmchenkinder ist. Wem sonst sollte man auf dieser verwirrenden Glühwürmchenwelt vertrauen?

Die Eltern ihrerseits waren fest davon überzeugt, das Bestmöglichste für ihr offenkundig unbegabtes Kind getan zu haben.

Und so gab es Sternchen auf, sein Laternchen anzuzünden, versteckte es traurig hinter einem Heckenrosenblatt und begab sich wie befohlen auf die Suche nach seinen Altersgenossen.

Diese empfingen den Neuankömmling allerdings nicht wie erhofft mit offenen Armen, sondern mit großer Ablehnung. Sternchen sah ohne sein Laternchen so unsicher und ängstlich aus, dass sie bei seinem Auftauchen unwillig ausriefen: „Geh weg, du Schnipsel, siehst du nicht, dass du störst? Wir können dich hier nicht brauchen. Such dir einen anderen Schnipsel zur Gesellschaft!“

Sternchen zuckte zurück. Auf einmal fühlte es große Wut in sich aufsteigen und wurde ganz rot in seinem kleinen Glüh-würmchengesicht. „Ich heiße nicht Schnipsel. Mein Name ist Sternchen, habt ihr verstanden?“

Daraufhin brachen alle in schallendes Gelächter aus.

„Du willst ein Sternchen sein? Das ist der beste Witz des ganzen Glühwürmchenjahres. Sieh dich doch mal an. Nicht einmal das mickrigste Laternchen besitzt du“, spotteten“ sie. „Das einzige, was an dir strahlt, ist deine Schnipseligkeit. Die allerdings leuchtet gewaltig.“

Kichernd umkreisten sie das zur Salzsäule erstarrte Sternchen und wedelten wild mit den Flügeln. „Oder bist du etwa gar ein Mädchen?“

 

Wollt ihr wissen, ob und wie der arme Schnipsel zu einem hell leuchtenden Sternchen wurde?