Die Liebe der Einhörner

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Autorin: Karin Schneider-Jundt
Bilder: Cora Schneider
Herausgeber: Karin SchneiderJundt
karin@lieder-von-karin-schneider.de

Copyright 2011
Printed in Germany

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Für meine Tochter Cora

Die Liebe der Einhörner

Weit, weit draußen, im Herzen des Universums – da, wo Gott seinen Herrschersitz hat und Engel Ihm und Seiner Schöpfung dienen – liegt das lichtdurchflutete Tal des Friedens, ein Hort der Liebe. Von hier aus nimmt alles seinen Anfang und hierher kehrt alles zurück.
Die Menschen befinden sich entweder gerade kurz vor ihrem Aufbruch auf die Erde und bekommen die Aufgaben zugeteilt, die sie dort zu erledigen haben, während die Rückkehrer auf ihre dortigen Fehler aufmerksam gemacht werden und sich anschließend, befreit aufatmend, dem Tanz und Gesang zuwenden.
An diesem behüteten Ort nun lebte einst, vor uralter Zeit, ein Einhornpaar mit seinem Kind. Diese zauberhaften Wesen waren von so vollkommener Schönheit, dass jeder, der sie betrachtete, unweigerlich ins Träumen geriet.
Der Hengst erstrahlte in reinem Weiß. Kein einziges dunkles Haar war an ihm zu finden. Wenn die Sonne auf sein Fell schien, glomm es auf, als hätte man es mit Goldstaub besprüht. Seine dichte, wallende Mähne umhüllte den geschwungenen, mächtigen Hals wie ein lichtdurchwirkter Schleier, und sein prächtiger Schweif zog, wenn er den Boden berührte, eine goldene Lichtspur hinter sich her.
Die Stute hingegen war pechschwarz. Ihr seidiges Fell bot sich der Sonne als Spiegel dar. Wenn sie sich bewegte, hatte man den Eindruck, ein Funkenregen sei auf sie niedergegangen. Ihren schlanken, geschmeidigen Hals umspielte eine Mähne wie mit Silberpuder bestäubt, und der schöngeformte Schweif hinterließ, wenn er den Boden streifte, eine silberglänzende Spur.
War das Äußere dieser Einhörner schon atemberaubend schön, so wurde es noch bei Weitem übertroffen von der großen Sanftmut und Liebeskraft dieser einzigartigen Geschöpfe. Kein Arg war an ihnen.
Ihr Kleines, das sie mit großer Innigkeit liebten und wie ihren Augapfel hüteten, war mit Worten kaum zu beschreiben. Sein zierlicher Körper war weder weiß noch schwarz, sondern schimmerte je nach Tageszeit und Stimmung in einer anderen Farbe. Das Auffallendste waren jedoch seine Augen.Tief und klar wie Bergseen blickten sie jedem vertrauensvoll entgegen. Wer in sie schaute, vergaß alles um sich herum und wurde von einem tiefen Glücksgefühl erfasst. Wenn das kleine Einhorn seinen unschuldigen Blick abwandte war es, als würde man einen großen Verlust erleiden.
Legte das Fohlen sich zum Schlafen nieder, stellten sich Hengst und Stute beschützend neben ihm auf, die Köpfe einander so zugeneigt, dass ihre beiden Hörner sich über ihrem Kind kreuzten. Und dann sangen sie das unvergleichliche Lied der Einhörner, und das gesamte Weltall hielt den Atem an und lauschte.

lieber der einhörner 2
Eines mittags nun, als das Fohlen auf einer Blumenwiese fröhlich Grashüpfer nachsprang, große, bunte Schmetterlinge bestaunte, vor einem aufgeschreckten Hasen davonstob, um sogleich in weitem Bogen auf die Wiese zurückzukehren, dabei übermütige, ungelenke Bocksprünge vollführte und sein lustiges, hohes Wiehern die Gegend erfüllte, zogen sich seine Eltern zufrieden in den Schatten riesiger Mammutbäume zurück, um dort zu ruhen.
Nach einer Weile wurde das Fohlen des Spielens müde, ließ sich einfach fallen, mitten hinein in die duftenden Blumen und war sofort eingeschlummert. Das Summen emsiger Bienen, das tiefe Brummen behäbiger Hummeln, das Blätterrauschen der umstehenden Bäume, das sanfte Plätschern eines klaren Bächleins und der stimmgewaltige Chor der Vögel boten dafür das passende Schlaflied.
Zwei Engel, die sich auf dem Weg zu einer Konzertprobe befanden, kamen kurze Zeit später an dieser Stelle vorbei. Der eine trug eine Schalmei, der andere eine Zimbel unter dem Arm.
Sie blieben stehen und blickten bewegt auf dieses anrührende Bild.
„Ist es nicht einfach entzückend, dieses kleine Wesen“, flüsterte der Engel mit der Schalmei hinter vorgehaltener Hand, um das Fohlen ja nicht zu stören. „Warum aber konnte sich Gott nicht entweder für Schwarz oder Weiß entscheiden? Das ist wirklich schade. Diese verwirrende Farbenvielfalt ist doch recht gewöhnungsbedürftig, findest du nicht auch?“
„Du hast recht“, wisperte sein Begleiter. „Warum wählte Er nicht Weiß? Weiß wie sein Vater wäre das Fohlen einfach umwerfend.“
„Ach, ich weiß nicht. Warum nicht lieber Schwarz? Schwarz wie die Mutter erscheint mir noch passender“, entgegnete der erste Engel gedehnt.
„Also, ich hätte dir wirklich einen besseren Geschmack zugetraut. Schwarz ist eine furchteinflößende Farbe. Sie hat etwas Unheimliches, Böses an sich. Weiß ist rein und unschuldig. Das einzig wahre für ein so liebliches Wesen“, ereiferte sich daraufhin der Angesprochene. Dabei warf er jedoch einen scheuen Blick zur Stute hin. „Natürlich nichts gegen die Stute gesagt. Sie ist selbstverständlich eine Ausnahme.“
„Welch ein Unsinn! Schwarz bedeutet Stärke, Kraft und Eleganz. Sie hat ganz und gar nichts Erschreckendes an sich, höchstens für jemanden, dessen Gewissen nicht ganz rein ist. Weiß ist eine langweilige, kalte Farbe“, beeilte sich sein Gegenüber zu widersprechen. Schnell schielte er zu dem Hengst hinüber. „Nichts natürlich gegen den Hengst einzuwenden. Er ist in diesem besonderen Fall ebenfalls eine Ausnahme.“
Vorbei war es mit einem Mal mit der friedlichen Stimmung. Spannung machte sich fühlbar breit. Das Fohlen zuckte unruhig im Schlaf, als das ungewohnte Geräusch zischelnder Stimmen an seine Ohren drang.
„Ich höre wohl nicht recht. Dir hat anscheinend die Begeisterung für die Farbe Schwarz den Blick verdunkelt, sonst würdest du nicht so einen Unfug verkünden. Aber ich verstehe schon. Du willst dich nur wichtigmachen, weil du eifersüchtig bist, dass Gott meine Zimbel mehr schätzt, als deine alberne Schalmei“, stichelte der Besitzer besagten Instruments mit aufreizen-dem Lachen
„Ich auf Dich eifersüchtig? Was für ein köstlicher Scherz! Meine Schalmei ist für Gott hundertmal mehr wert als deine lächerliche Zimbel“, fauchte sein Gegenüber wutentbrannt und trat einen Schritt vor.
„Nimm das sofort zurück oder du wirst es bereuen. Mal sehen, was du für ein Gesicht machst, wenn ich dir ordentlich eins mit dieser lächerlichen Zimbel verpasse!“ schäumte nun sein Kontrahent und ballte die Fäuste.
Vorbei war es mit ihrer Selbstbeherrschung, und ihre lauten Stimmen durchbrachen die friedliche Stille.
Das Fohlen erwachte jäh, sprang erschrocken auf und blinzelte verständnislos die beiden Streithähne an. Ein nervöses Zucken überlief seinen kleinen Körper.
„Was ist passiert? Warum schreit ihr so? Tut euch etwas weh? Kann ich euch helfen?“ fragte es mit kleiner, zittriger Stimme.
Für einen kurzen Augenblick hielten die beiden Hitzköpfe aufgeschreckt inne. Doch dann übermannte sie wieder ihre Erbitterung und sie riefen dem Einhornkind ungeduldig zu: „Geh spielen, Kleines. Das hier ist nichts für dich.“
Das Fohlen wich jedoch nicht zurück, sondern kam unsicheren Schrittes auf die beiden zu. „Bitte hört auf. Ihr macht mir Angst“, bettelte es gequält.
Doch das nahmen die Aufgebrachten nicht wahr. Sie hatten sich wieder einander zugewandt und funkelnden sich kampfeslustig an.
„Gibst du nun endlich zu, dass du dich geirrt hast, du Sturkopf und nur so hartnäckig bleibst, weil du mich ärgern willst?“ giftete der eine.
„Ich gebe gar nichts zu. Und wenn du mich weiterhin so reizt, wirst du dein blaues Wunder erleben“, kochte der andere.
Der Streit entbrannte so heftig, dass der Lärm durch das gesamte Weltall dröhnte. „Was ist da nur los? So etwas hat es hier noch nie gegeben“, fragten sich die Bewohner verstört und machten sich eilends auf zu dem Ort des Geschehens.
Auch die beiden Einhörner waren inzwischen erschrocken hochgeschnellt und sahen, in welcher Gefahr das Fohlen schwebte.
„Oh nein. Haltet ein“, stießen sie entsetzt hervor und wollten ihrem Kind zu Hilfe eilen. Doch es war bereits zu spät. Das Unheil nahm seinen Lauf. Einer der Engel hatte den anderen am Kragen gepackt und holte zu einem heftigen Schlag aus.
Da tauchte unerwartet ein kleiner Schatten zwischen ihnen auf. „Nicht. Ihr dürft euch doch nicht gegenseitig weh tun!“ schrillte ein angstvolles Stimmchen.
Das alles ging so schnell vor sich, dass der Schlag nicht mehr abgefangen werden konnte und die Faust den Kopf des Fohlens traf. Der dumpfe Ton, der dabei erklang, hörte sich so entsetzlich an, dass all denjenigen, die ihn hörten, regelrecht das Blut in den Adern gefror.
Ein tödliches Schweigen breitete sich nun aus über das gesamte Tal. Die beiden Engel starrten fassungslos auf das kleine Einhorn, das benommen am Boden lag.
Es gab keinen einzigen Laut von sich. Nur seine wunderschönen Augen, die sich langsam mit Tränen füllten, blickten fassungslos zu ihnen auf. Diese Augen waren wie zwei Teiche, in denen sich die Streithähne nun erblickten – zerzaust, keuchend, die Gesichter verunstaltet vor Wut. Mit wachsendem Entsetzten mussten sie zusehen, wie langsam Blut aus seinen winzigen Nüstern quoll, mit einem hässlich Laut zu Boden tropfte und das Gras unter seinem Kopf rot färbte. Niemand wagte sich zu regen.
Da erbebte um sie herum der Boden, die Sonne verdunkelte sich und eine Stimme ertönte wie Donnerhall:
„Wer hat das getan?“
Gott war unversehens hinter den beiden Übeltätern aufgetaucht und durchbohrte sie mit Seinem zornsprühenden Blick.
„Das wollten wir nicht, Herr. Ganz bestimmt nicht. Wir konnten uns nur nicht einigen, welche Farbe für das Fohlen schöner oder geeigneter wäre – schwarz oder weiß und warum Du Dich nicht für eine der beiden Farben entschieden hast“ – stammelte der Engel mit der Zimbel mit erstickter Stimme und wagte nicht den Blick zu heben.
„Wie? Ihr wagt es, ein Urteil über Meine Schöpfung zu fällen! Wisst ihr, was das bedeutet?“
„Es war ein Unfall, ein schrecklicher Unfall, Herr, den wir zutiefst bereuen. Wir werden es wieder gutmachen. Sag uns wie. Es kann doch nicht so schlimm sein“, fügte der Schalmeiträger bebend hinzu.
Wild begannen Gottes Augen zu lodern. „Nicht so schlimm, ihr Unglückseligen? Der heiligste Ort des Universums ist durch euer Vergehen entweiht worden. Unendliches Leid habt ihr über die Erde und all ihre Bewohner gebracht. Kommt und seht.“
Verstört folgten alle Anwesenden der Aufforderung Gottes. Er führte sie zu einem Hügel, von wo aus Er noch vor Kurzem voller Zufriedenheit Seine gesamte Schöpfung betrachtet hatte. Nun deutete Er nach unten auf die Erde, die als wunderschöne, farbige Kugel friedlich ihre Bahnen zog. Sie war durch eine breite Brücke mit diesem Tal verbunden.
Alle folgten Gottes Zeigefinger und runzelten verwirrt die Stirn. Sie konnten nichts Auffälliges bemerken. Die Bewohner gingen dort unten ihren mannigfachen Tätigkeiten nach, und auf der Brücke herrschte ein reges Kommen und Gehen. Die einen befanden sich auf dem Weg zur Erde, um dort ihren Auftrag zu erfüllen, die anderen kehrten nach getaner Arbeit in das Tal des Friedens zurück.
Doch halt! Was war das? Eine seltsame, flirrende Wolke näherte sich der Brücke und verbarg nach und nach den Zugang zu ihr wie hinter einer dichten Nebelwand. Und dann breitete sie sich aus und umkreiste die Köpfe der Bewohner, die sie jedoch nicht wahrzunehmen schienen. Ein ungewohnter Laut, der seltsam verlockend und zugleich unangenehm aufdringlich war, drang selbst bis in dieses fernabgelegene Tal. Man konnte sich seiner kaum erwehren.
„Was ist das? Ich habe eine Gänsehaut“, murmelten einer der Umstehenden schaudernd.
„Das ist der Keim des Bösen, in ein verführerisches Gewandt gekleidet. Durch die Freveltat eurer beiden Kameraden wurde er zum Leben erweckt. Wie ein Virus wird er sich ausbreiten, die Augen und Ohren der Menschen für Mich und Meine Stimme verschließen und ihnen einreden, dass es dieses Tal hier niemals gegeben hat. Wie heimatlose Kinder werden sie umherirren und Verbitterung, Trauer und Zwietracht verbreiten“, erklärte Gott mit eisiger Stimme und wandte sich den beiden Missetätern zu.
„Nieder mit euch“, befahl Er kalt und hob Seinen Arm.
Die beiden Engel warfen sich ergeben vor Ihm auf den Boden.
Ein entsetztes Raunen ging durch die Menge.
„Nein“, ertönte da ein zweistimmiger Aufschrei. Die beiden Einhörner, die sich bis dahin um ihr verletztes Kind gekümmert hatten, stürmten herbei und stellten sich schützend vor die beiden Engel.
„Bitte nicht! Alles andere, nur nicht das. Sei gnädig, Herr. Es war nicht ihre Absicht, und vielleicht tragen auch wir ein Teil Schuld, weil wir nicht besser auf unser Kind aufgepasst und früher eingegriffen haben“, flehten sie.
„Soll ein derartiger Frevel etwa ungestraft bleiben? Ihr Blut für das Blut des kleinen Einhorns“, stieß Gott mit furchtbarer Stimme hervor.
„Nein, nein, das kann nicht sein. Was wäre ein Tal des Friedens wert in dem Gewalt und Blutvergießen herrscht?“ bettelte die Stute mit angstvoller Stimme.
Gott zögerte finsteren Blickes, den Arm weiterhin schlagbereit erhoben.
„Wisst ihr, eigentlich worum ihr Mich da bittet? Meine Pläne wurden durchkreuzt durch die Unbeherrschtheit und Anmaßung zweier Wesen, die dem Guten dienen sollten und Mir unbedingten Gehorsam schulden. Nein, das kann Ich niemals dulden.“
„Denk doch an das Fohlen, Herr“, fiel der Hengst ein. „Wird sein Herz nicht brechen, wenn die beiden Engel zerschmettert vor ihm liegen? Wie soll es Dir, wie sollen wir Dir weiterhin vertrauen, an Deine Güte und Vergebung glauben und Dich vorbehaltlos lieben, wenn Du unbarmherzig wärst?“
Gottes Blick fiel auf das kleine Einhorn, das hilflos zitternd von einem zum anderen sah und nicht verstand, worum es hier ging.
„Nun, dann sagt Mir, wie könnte eurer Meinung nach diese Schandtat bestraft werden? Welche Buße würde dem gerecht werden?“ fragte Er mit weicherer Stimme und senkte langsam den Arm.
Nun hoben auch die beiden Schuldigen die Köpfe und streckten flehend die Hände aus.
„Wir wollen jede Strafe auf uns nehmen, die Du über uns verhängst, Herr. Wir haben sie wahrlich verdient“, sprach der eine Engel mit niedergeschlagenen Augen.
„Wir werden uns ehrlich bemühen, das Unrecht, das durch unsere Schuld geschehen ist, wieder gut zu machen. Wenn es einen Weg dafür gibt, zeige Ihn uns“, bestätigte der andere demütig.
Ihre Worte klangen aufrichtig, darum sprach Gott, nachdem Er eine Weile mit gerunzelter Stirn auf und abgegangen war:
„Nun gut, so hört Meinen Schuldspruch: Ich verbanne euch aus diesem Tal. Ihr werdet von nun an auf der Erde leben, unsichtbar für die Augen der Menschen und mit ansehen, was ihr mit eurer unsäglichen Tat angerichtet habt.“
Er deutete auf den Engel mit der Schalmei. „Du, der du die Farbe Weiß bevorzugst, wirst den Tag begleiten. Und du, der du die Vorliebe für Schwarz hegst, du sollst der Begleiter der Nacht sein. Dann werdet ihr eure voreiligen Worte sehr bald bereuen und niemals wieder die Frage nach dem „Warum“ Meines Handeln stellen.“
Ein schmerzhafter Laut entrang sich den Kehlen der Verurteilten, doch sie wagten kein Aufbegehren, sondern zogen sich still in den Hintergrund zurück.
Ernst wandte sich Gott nun den Einhörnern zu, die still in der Nähe ausgeharrt hatten. „Ihr wisst, dass mit der Strafe dieser beiden das Blut noch nicht gesühnt ist, das hier vergossen wurde, nicht wahr? Das Blut, das Wiedergutmachung verlangt.“
Stute und Hengst nickten und warteten ergeben auf das, was nun folgen musste. Nur das kleine Einhornkind blickte arglos von einem zum andern.
„Komm her zu mir“, rief Gott es zu sich. Vertrauensvoll trabte es heran und legte seinen Kopf auf Dessen Schoß. „Du musst jetzt tapfer sein, mein Kleines“, sprach Er und strich sanft über das seidige Fell. „Deine Eltern werden dich nun verlassen und du wirst hier bei Mir im Tal des Friedens bleiben“, erklärte er ihm.
Hengst und Stute sogen bei diesen Worten verzweifelt den Atem ein.
„Wohin wollen sie gehen?“ fragte das Fohlen erstaunt. „Sicher kommen sie doch so bald wieder denn sie haben mich noch nie allein gelassen.“ Angst keimte in dem sanften Stimmchen auf, und die kristallklaren Augen blickten ahnungsvoll bittend.
Gott musste sich zwingen, um diesem anrührenden Blick standzuhalten. „Nein, mein Kleines. Sie kommen nicht wieder, denn sie werden die beiden Engel begleiten. Dein Vater wird von nun an gemeinsam mit seinem Engel den Tag auf Erden durchwandern, während deine Mutter mit ihrem Engel die Nacht durchlebt. Lediglich in dem kurzen Augenblick, wenn die Nacht das Zepter dem Tag überreicht oder der Tag die Nacht regieren lässt, können sich die beiden begegnen.“
Der klagende Schrei der beiden Einhörner erschütterte das gesamte Universum und Gott senkte den Kopf und wartete. Er wartete lange, er wartete, bis die Einhörner sich beruhigt hatten und wieder still vor ihm verharrten.
„Ihr könnt eure Meinung noch ändern, wenn ihr wollt. Ihr habt gewusst, dass die Sühne für das begangene Verbrechen hart sein würde. Wollt ihr es dennoch auf euch nehmen?“ fragte er dann eindringlich.
„Ja, Herr. Wir sind dazu bereit. Wir werden tun, was getan werden muss, um noch größeren Schaden zu verhindern. Wir vertrauen Deiner Weisheit und Gerechtigkeit“, erwiderten die beiden Einhörner einstimmig und senkten als Zeichen ihrer Demut die Köpfe, bis ihre Hörner den Boden berührten.
„Gut, dann geht jetzt und bereitet euch vor. Ich werde euch rufen, wenn die Zeit des Aufbruchs gekommen ist.“
Hengst und Stute riefen nun das Fohlen zu sich. Es schüttelte jedoch unwillig den kleinen Kopf und rührte sich nicht von der Stelle. Nachdem alles Zureden nichts half, trabten die beiden eng aneinander geschmiegt in Richtung Wald, um dort voneinander Abschied zu nehmen.
Gott sah ihnen nach und seufzte. Dann ließ er sich auf einen nahegelegenen Felsen nieder und schloss die Augen, während sich die übrige Versammlung stillschweigend auflöste.
Nach einer geraumen Weile erwachte das Fohlen wie aus einer tiefen Trance, trabte zu Gott und stupste Ihn an.
„Was möchtest du, Mein kleines Pferdchen“, fragte er zärtlich.
„Sage mir, ob Du meine Eltern und die zwei Engel wirklich für alle Zeit auf die Erde verbannt hast“, fragte es. Mit einem Mal war seine Stimme gar nicht mehr so kindlich und sein Blick besaß eine Reife, die vorher noch nicht dagewesen war. Das kleine Einhorn hatte innerhalb kurzer Zeit die Unbefangenheit eines Kindes verloren.
Lange blickte Gott in diese forschenden Augen. „Was glaubst du?“ fragte Er dann.
„Nein, Du bist nicht grausam. Niemals werde ich das glauben, ganz gleich, wie es vielleicht im Augenblick auch aussehen mag. Aber eines verstehe ich trotzdem nicht. Warum müssen meine Eltern von hier fort? Weshalb reicht es nicht aus, dass Du die beiden Engel bestraft hast, obwohl sie eigentlich ihre Tat längst bereut haben. Wenn ich ihnen verziehen habe, kannst Du das doch erst recht“, forderte es eindringlich.
Gott schüttelte den Kopf: „Wenn das so einfach wäre, Kleines.“
„Für Dich ist alles einfach. Du bist jetzt nur enttäuscht und traurig. Das wäre ich an Deiner Stelle ebenso. Aber Du liebst uns doch alle und kannst nie lange böse sein“, ließ das kleine Einhorn nicht locker.“
Gott seufzte. „Du weißt nicht, worum es hier geht.“
„Dann erkläre es mir.“
Lange ruhte Gottes Blick auf dem Fohlen. „Wenn jemand ein Unrecht begeht, müssen immer alle darunter leiden. Jede Tat, ob gut oder böse, hat Auswirkungen auf das gesamte Weltall.“ „Ja, aber was hat das mit meinen Eltern zu tun? Sie sind doch unschuldig“, ließ das Fohlen nicht locker.
„Gerade deswegen, mein Kleines. Allein die Unschuldigen sind fähig, Leid zu wandeln. Glaube mir, deine Eltern wissen genau, dass Ich sie nicht bestrafe. Als sie um das Leben der Schuldigen baten, war ihnen sehr wohl bewusst, was sie damit auf sich nahmen. Sie handeln aus tiefer Liebe und unbedingtem Vertrauen zu Mir. Mit ihrer Hingabe helfen sie, noch größeres Unheil zu verhindern“, erklärte Gott ruhig.
Das Fohlen scharrte unruhig mit dem Huf. „Ich verstehe es einfach nicht. Was ist denn außer meiner blutigen Nase so Furchtbares passiert?“ rief es unglücklich.
Als Gott schwieg, hob Ihm das Fohlen seine kleinen Nüstern entgegen. „Schau, meine Wunde heilt bereits und tut auch gar nicht mehr weh.“
Gott seufzte. „Durch den Streit der beiden Engel ist der Schwarm in die Welt gesetzt worden und damit der Zweifel an Meine Liebe und Vollkommenheit. Zweifel besitzt eine große Macht. Er nistet sich in die Herzen der Erdbewohner ein und versucht, sie Meinem Einfluss zu entziehen. Sein einziges Bestreben ist, Unfrieden zu stiften, um das Band der Einheit zwischen Mir und den Menschen auf der Erde zu zerreißen“, erklärte Gott mit gefurchter Stirn.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihm das gelingt. Du bist allmächtig. Du musst Dich irren“, stieß das kleine Einhorn hervor.
„Leider doch, mein Kleines. Es liegt an der Wolke, in der sich der Schwarm verbirgt. Durch sie können die Erdbewohner die Brücke nicht mehr erkennen und irren dort unten ziellos umher. Da ist es für diesen Keim des Bösen ein leichtes, Lügen über Mich zu verbreiten.“
„Was denn für Lügen?“ fragte das Fohlen ungläubig.
„Nun, beispielsweise, dass Ich die Menschen nicht nur zu einem sinnlosen Dasein auf Erden verurteilt habe, sondern sie mit unbeugsamen Gesetzen zu unterdrücken versuche und ihnen schwere Schicksale aufbürde, um sie zu quälen und zu demütigen. Außerdem sei Ich im höchsten Maße ungerecht, äußerst nachtragend und würde ständig große Opfer von ihnen fordern. Das macht die Menschen verbittert und hoffnungslos, bereit, für großartigen Versprechungen und Verführungen jeder Art. Listig wird ihnen eingeredet, Mich nicht zu brauchen, Meine Gesetzte missachten zu dürfen und selbst die wahren Herrscher der Welt zu sein.“
Das kleine Einhorn starrt ihn entsetzt an. „Das kann ich nicht glauben“, stammelte es.
„Und dennoch ist es so.“
„Warum liegt Dir eigentlich so viel an diesen Menschen? Sollen sie doch für immer auf der Erde bleiben, wenn sie dumm und undankbar sind und so wenig Vertrauen zu Dir haben!“ rief das Fohlen nun aufgebracht.
Gott schüttelte den Kopf. „Nein, das darfst du nicht sagen. Du kennst sie alle und hast hier mit ihnen gespielt. Es sind Meine Kinder und Ich liebe sie von ganzem Herzen. Ich kenne den Namen von jedem einzelnen, kann alle ihrer Gedanken lesen und in ihr Herz schauen. Es stimmt, sie sind oft schwach und leicht zu verführen, wie kleine Kinder eben sind. Ihnen sind die weitreichenden Folgen ihres Handelns nicht bewusst. Deswegen kann Ich ihnen verzeihen, und ganz besonders, wenn sie Reue empfinden. Weißt du, trotz ihrer unbestreitbaren Schwächen ruhen in ihnen großartige Fähigkeiten, die Ich in sie gelegt habe.“
Er machte eine einladende Geste und hob das kleine Einhorn auf Seinen Schoß. „Ich will Dir ein Geheimnis anvertrauen“, sprach Er dabei. Das Fohlen schmiegte sich an Ihn und wartete gespannt auf Seine Erklärung.
Gott beugte sich vor und sah dem kleinen Einhorn tief in die Augen. „Unvorstellbar Großartiges und Schönes habe Ich noch mit Meiner Schöpfung vor. Alle in diesem Tal sind der Meinung, dass Ich Meine Schöpfung bereits vollendet habe. Aber dem ist nicht so. Sie befindet sich erst im Entwicklungsstadium. In ihrer Vollendung wird sie ein einziges Tal des Friedens sein. Und eines Tages sollen die Menschen Seite an Seite mit Mir das ganze Universum beherrschen. Dafür brauche Ich aber das uneingeschränktes Vertrauen, die Liebe und Treue sämtlicher Lebewesen, verstehst du? Dieser hinterhältige Keim jedoch versucht mit allen Mitteln dies zu verhindern.“
„Warum rufst Du den Menschen die Wahrheit nicht zu? Du hast doch eine ganz besonders laute Stimme und kannst den Schwarm damit übertönen“, drängte das Fohlen.
„Das nützt nichts, kleines Einhornkind, weil der Schwarm ihre Ohren für mich taub gemacht hat.“
„Dann musst Du auf die Erde gehen, ihnen die Wahrheit sagen und den Heimweg in dieses Tal zeigen“, ließ das kleine Einhorn nicht locker.
„Nein, sie können von nun an auf der Erde mein wahres Gesicht nicht mehr ertragen. Im Laufe der Zeit werden sie schließlich sogar glauben, dass es weder Mich noch dieses Tal überhaupt jemals gegeben hat“, erwiderte Gott traurig.
„Unser schönes Tal vergessen? Das ist ja furchtbar!“ Das kleine Einhorn fühlte geradezu körperlich den Schmerz und die Trauer Gottes. Es wandte den Kopf und starrte auf das friedliche, lichtdurchflutete Tal. Tränen quollen aus seinen wunderschönen Augen und hinterließen tiefe Spuren auf seinem makellosen Fell.
Plötzlich fuhr es auf. „Oh, jetzt weiß ich die Lösung. Du bist allmächtig und brauchst nur diese hässliche Wolke zu vertreiben und alles ist wieder in Ordnung“, rief es erleichtert aus.
Doch Gott schüttelte den Kopf. „Leider nein, mein kleines Einhornkind. Das ist ja das Tragische. Diese Wolke nährt sich von dem Blutfleck, der jetzt diesen Ort verunstaltet. Solange er existiert, gibt es keinen Frieden zwischen Mir und den Erdenbewohnern. Durch den Streit der beiden Engel sind Meine Pläne durchkreuzt worden. Sie, die Mir absoluten Gehorsam schulden und Meiner Schöpfung bedingungslos zu dienen haben, brachten mit der Wolke unendliches Leid und Zwietracht über Meine Erde.“
„Aber irgendetwas muss man doch dagegen tun können. „Du darfst Deine Pläne nicht aufgeben. Ich bin mir ganz sicher, dass Dir ein Ausweg einfällt, wie dieser hässliche Fleck wieder verschwindet und der böse Keim verhungert.“
Es hielt inne. „Worüber haben sich die beiden Engel eigentlich gestritten? Ich habe das nicht verstanden. Warum gibt es Hell oder Dunkel?“
„Damit man lernt, was Licht bedeutet. Das Dunkel hat zwar keine Macht. Es wird immer vom Licht besiegt. Aber durch Gegensätze werden Wahrheiten bewusst gemacht. Dein Vater ist Weiß, deine Mutter Schwarz. Aber das ist ohne Wertigkeit.“
„Und weshalb bin ich anders?“ fragte das Fohlen unsicher.
„Nun, in dir lösen sich alle Gegensätze auf und veranschaulichen die Einheit. Verstehst du?“ „Ja“, flüsterte das Fohlen. „Du bist weise und die beiden Engel haben Dir nicht vertraut.“
Gott nickte. „So ist es. Merke dir wohl: Lediglich das Dunkel, das in die Herzen eindringt, ist zerstörerisch und kann nur durch die Kraft der Liebe daraus vertrieben werden. Die Liebe ist das Licht des Herzens. Mein Herz ist die Quelle der Liebe.“
„Sei nicht traurig. Gemeinsam mit Dir schaffen wir drei Einhörner, dass alles wieder gut wird“, rief das kleine Einhorn mit unerschütterlichem Glauben und stupste Gott stürmisch am Arm.
Dieser lächelte mit unendlicher Zärtlichkeit auf das Einhornkind herab. „Ja, unsere Einheit ist der Quell der Liebe, der Ursprung und der Sinn allen Lebens. Das Schlimme ist nur, dass die Bewohner Angst vor Mir bekommen und ihre Herzen vor Mir verschließen. Dadurch wird die Nabelschnur, die ihre Herzen mit dem Meinen verbindet, unterbrochen und Ich kann sie nicht mehr nähren.“
„Angst vor Dir? Das kann ich mir nicht vorstellen“, protestierte das Fohlen.
„Doch. Angst vor schlimmen Strafen. Weil ihnen der Keim des Bösen als Nächstes weismachen wird, Ich würde ihnen niemals vergeben, dass sie sich von Mir abgewandt haben, sondern dass sie furchtbare Strafen zu erwarten haben. Aus Furcht, aus Scham, aus falschverstandenen Schuldgefühlen werden die Menschen daher versuchen, sich vor Mir zu verbergen oder Meine Gegenwart einfach vor sich selber zu leugnen.“
Das kleine Einhorn verfiel in tiefes Nachdenken. „Irgendwie passt das für mich alles nicht richtig zusammen. Wenn sich die Menschen dort auf der Erde schämen oder Angst vor Dir haben, können sie Dich oder dieses Tal doch nicht wirklich vergessen haben. Und dann ist es auch nicht zu spät, sie von der Wahrheit zu überzeugen.“
Gott blickte voller Stolz auf das kleine Einhorn herab. „Du bist klug, Mein Pferdchen. Du hast die Schwachstelle des Schwarms erkannt. Eine Möglichkeit, das Böse noch zu wenden gibt es tatsächlich. Durch das selbstlose Opfer deiner Eltern könnte es gelingen!“
Das kleine Einhorn fuhr auf. „Ich habe es gewusst. Du hattest von Anfang an einen Plan, wie meine Eltern Dir helfen können. Wie sieht Dein Plan aus? Was müssen sie dafür tun? Schnell, sag es mir!“
„Nun, der Schlüssel, um versperrte Herzen zu öffnen, heißt Sehnsucht. Deine Eltern müssen versuchen, diese Sehnsucht zu schüren. Wenn ihnen das gelingt, wecken sie die vergrabene Erinnerung an Mich, an dieses Tal und Ich kann sie dem Einfluss des Schwarmes entziehen.“
„Oh, das schaffen sie. Das ist doch ganz einfach. Die Bewohner werden sich riesig freuen, meine Eltern wiederzusehen und auf sie hören“, rief das Fohlen erleichtert.“
„Nein, mein Kleines, der Schwarm lässt auch sie unsichtbar erscheinen.“
Das Fohlen starrte betroffen vor sich hin. „Das ist aber traurig. Meine wunderschönen Eltern. Wie sollen sie denn dann auf sich aufmerksam machen?“
„Deine Eltern werden aus Sehnsucht nach diesem Tal zum Spiel der Engel das einzigartige Lied der Einhörner anstimmen, das Lied, welches von Liebe, Vertrauen, Frieden und Glück erzählt. Musik ist die Sprache der Seele. Sie ist wie Wasser und dringt durch die kleinsten Ritzen direkt in die Herzen. Diejenigen, die sich davon berühren lassen, weil noch ein Funken Hoffnung in ihnen glimmt, deren Herzen werden vor Sehnsucht anfangen zu brennen und das Eis darin zum Schmelzen bringen. Und diese Tränen, vergossen aus jähem Erkennen, aus Reue und Demut sind es, die den Schandfleck hier reinzuwaschen vermögen. Verstehst du jetzt?“
Das Fohlen rief überglücklich: „Ja, ich verstehe. Das ist ein wirklich guter Plan. Dann kannst Du den Engeln jetzt auch sagen, dass wir einen Weg gefunden haben, ihre Schuld zu begleichen.
„Nein“, wehrte Gott ab. „Dann wäre die Sühne nicht vollkommen. Sie muss in aller Konsequenz angenommen und erfüllt werden.“
„Aber dann tröste wenigstens meine Eltern und erzähl ihnen, dass wir eines Tages wieder alle hier vereint sein werden“, bettelte das Fohlen.
„Das ist nicht notwendig. Sie sind von so großer Liebe und Vertrauen zu Mir erfüllt, dass sie es in ihren Herzen wissen. Wer so tief liebt, gibt niemals die Hoffnung auf, dass das Gute eines Tages siegen wird, weil er die Wahrheit in seinem Inneren kennt“, antwortete Gott sanft.
„Genau wie ich“, nickte das Fohlen zufrieden.
„Ja, genau wie du“ bestätigte Gott, hob es von Seinem Schoß und wischte ihm sanft die letzten Tränenspuren vom Fell.
„Aber sag mir, wie kann ich Dir helfen? Ich möchte auch etwas tun. Ich bin nämlich furchtbar stark und mutig“, bestürmte das Fohlen Gott aufgeregt.
Dieser lächelte. „Dir fällt sogar eine sehr wichtige Rolle zu. Du wirst an der Brücke stehen und diejenigen in Empfang nehmen, die den Aufgang gefunden haben.“
„Und was geschieht mit denjenigen, die auf den Schwarm gehört haben? Müssen sie für alle Zeit auf der Erde bleiben oder erwarten sie schlimme Strafen?“
Gott seufzte. „Nein, mein Einhornkind. Eines Tages, wenn der Fleck vollständig beseitigt ist, wird sich die Wolke vor dir auflösen und du kannst alle, die sich Mir bis dahin entzogen hatten, heim in dieses Tal führen. Hier werden sie erkennen, was ihr Handeln für Auswirkungen auf sie selbst und das gesamte Universum hatte und das ist Strafe genug. Doch bis alles wieder so ist, wie es einmal war, wird eine lange Zeit vergehen.“
„Zeit?“, fragte das kleine Einhorn verwundert. „Was ist das?“
„Nichts“, erwiderte Gott und drückte es fest an sich.
In der Ferne sahen die beiden den Hengst und die Stute auftauchen. Auch die beiden Engel folgten ihnen in einigem Abstand mit hängenden Flügeln.
Als dann schließlich Hengst und Stute mit ihren Engeln im Gefolge langsam die Brücke hinab schritten, folgten ihnen die bedrückten Blicken der Zurückbleibenden, die sich zum Abschied eingefunden hatten, und alle waren äußerst erstaunt, wie gelassen das Fohlen dabei blieb.
Ja, so kam es also, dass Leid und Zwietracht Einzug hielten in der einst so vollkommenen Schöpfung. So kam es, dass bis heute kaum einer von uns Menschen die herrlichen Einhörner mit bloßem Auge sehen kann, mit denen wir einst gemeinsam im Tal des Friedens unbeschwert tanzten.
Aber das muss nicht so bleiben.

Wenn du, Menschenkind, all das Elend, die Zwietracht, den Hass und Verrat um dich herum nicht mehr glaubst ertragen zu können, dann befreie deine Seele vom Zweifel und lausche dem Lied der Einhörner, das in deinem Herzen widerhallt. Höre auf seine ureigene Melodie und bringe sie nicht zum Schweigen, denn sie zeigt dir, dass du niemals verloren und einsam bist.

Schau auf zum Himmel, denn da blickt das tapfere Einhornkind zärtlich lockend auf dich herab. Nachts mit seinen tiefen, unergründlichen Augen, in denen sich die unzähligen Sterne spiegeln. Und am Tag in den Farben des Regenbogens, damit du die Hoffnung wiederfindest. Und wenn du abends still wirst und dich andächtig dem Zauber des Sonnenuntergangs hingibst, dann kann es sein, dass du im flammendroten Lichterglanz die Stute erblickst, wie sie liebevoll anmutig auf den Hengst zuschreitet, begleitet von dem zarten Spiel der Zimbel.
Sieh hin, wie sich frühmorgens das erste Sonnenlicht in den Tautropfen bricht und sie in einem Farbenrausch funkeln lässt, so, wie einst auf dem Fell der Stute.
Oder, wenn tagsüber die Sonne machtvoll ihr Regiment ausübt, tritt dir vielleicht in ihrem gleißenden Licht, begleitet von dem schmeichelnden Klang der Schalmei, der Hengst entgegen und strahlt durch seine stolze Haltung Treue und unvergängliche Liebe aus.
Blicke über das Meer und fühle, wie es dich unaufhaltsam in seinen Bann zieht, denn seine ungebändigte Wildheit und die weißen Schaumkronen erinnern dich an die Kraft und majestä-tische Schönheit des Hengstes.
Gib deinem Herz den Glauben an den Sieg des Guten zurück und verneige dich tief vor dem Mysterium des Seins.
Es wird der Tag kommen, an dem dich das kleine Einhorn auf seinem Rücken heim in das ferne Tal des Friedens trägt.

D a s E i n h o r n

Ich sah heut früh am Waldesrand
ein Einhorn, weiß und schön.
Es tanzte dort, und wie gebannt blieb ich verzaubert steh´n.
Mein Herz, es tanzte mit ihm mit – es zog mich zu ihm hin.
Drum schlich ich heimlich, Schritt für Schritt heran,
wollt es berühr´n.
Das Einhorn wich entsetzt zurück:
„Halt, Menschenkind, bleib steh’n!
Weißt du denn nicht, wer mich berührt,
kann nie mehr Wunder seh´n.
Du siehst in mir der Wahrheit Bild, der Liebe Angesicht.
Bedenke, was du dir verspielst. Zerstör´ die Unschuld nicht!“
Ich ahnte, was es mir verhieß. Sein Blick war rein und tief.
Es hob den Kopf, sein Horn es wies zum Himmel und es rief:
„Die Sehnsucht zieht dich zu mir hin.
Sie weiß, wonach du suchst.
Wenn du mich liebst, dann glaube mir,
ich führe dich ans Ziel.“
Ich folgte seinem weisen Rat und ließ es unberührt.
Von da an kam es oft und hat zum Leben mich geführt.
Es tanzte sanft und stolz und frei und heilte jeden Schmerz.
Der Seele Fessel brach entzwei, und ich flog himmelwärts.