Ticky mit dem Kännchen

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Karin Schneider-Jundt

Ticky mit dem Kännchen

 

blütenbilder 13. serie 08

Illustration Annemarie Bachmann

 

Dies ist die Geschichte von Ticky, dem Eichhörnchen,

das mit Hilfe eines seltsamen Kännchens lernt,

mutig die Gefahren des Waldes zu bestehen.

Die Bilder wurden aus getrockneten Blütenblättern hergestellt

 

©Copyright 2011

Karin Schneider-Jundt,

Illustration: Annemarie Bachmann

Lieder:  Karin Schneider-Jundt       

 1.Auflage 2011

 Alle Rechte vorbehalten

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und kann privat- und strafrechtlich verfolgt werden.

Karins Logo mit Bindestrich

Für Lance

Ein Auszug aus der Geschichte:

Ticky mit dem Kännchen

Es war einmal ein Eichhörnchen mit dem lustigen Namen Ticky. Dieser Name passte außerordentlich gut zu ihr, denn sie war ein lebhaftes und fröhliches Eichhörnchenmädchen, das immer „tik, tik, tik“ vor sich hin gluckste, wenn es aufgeregt oder wenn es glücklich war.

Als Ticky in dem großen Wald, gleich dort am anderen Ende eurer Stadt, das Licht der Welt erblickte, war der Frühling eingekehrt. Wer aufmerksam lauschte, konnte das zarte Läuten der Glockenblumen hören; Vogelmänner sangen aus vollen Kehlen ihren Angebeteten schmelzende Liebeslieder, um ihnen das Brüten schmackhaft zu machen, und in vielen Tierstuben wurde voller Spannung Nachwuchs erwartet. Oder er wurde bereits freudig willkommen geheißen. So auch bei Familie Eichhörnchen.

Ticky war ihr erstes und einziges Kind und löste daher bei ihrer Ankunft besonders großen Jubel aus. Abgesehen davon musste jeder neidlos anerkennen, dass Ticky das hübscheste, das bezauberndste Eichhörnchenkind war, das dieser Wald jemals zu Gesicht bekommen hatte.

„Ist es nicht süß, unser Goldkind“, strahlte die Mutter und drückte ihr Kleines zärtlich an sich.

„Gewiss“, nickte der Vater mit stolz geschwellter Brust. „Aber bei Eltern wie uns schließlich kein Wunder. Sobald es groß genug ist, werde ich unserem Prinzeßchen zeigen, wo es die leckersten Nüsse gibt, und wie man sie am geschicktesten vor frechen Dieben und Neidhammeln versteckt.“

„Nein, ach nein, was für ein niedliches Mädelchen“, seufzte die Großmutter und wischte sich aus lauter Rührung ein paar Tränen aus den Augen. „Passt nur gut auf das Würmchen auf. Dieser Wald ist so gefährlich. Überall lauern Gefahren, die man kennen muss, um nicht aufgefressen zu werden.“

„Papperlapapp“, brummte der Großvater. „Warum müssen Weiber immer so pessimistisch sein und alles schwarz sehen? Du erschreckst ja damit unsere Kleine“. Doch wer sich mit Eichhörnchengroßvätern auskennt, der konnte sehen, wie liebevoll besorgt er sein kleines Enkelkind betrachtete.

Ticky fühlte sich glücklich und geborgen, als sie in all die Augen schaute, die sie voll Liebe und Stolz musterten.  Nachdem sie Ticky gebührend bestaunt und gehätschelt hatten, begab sich jeder der Familienangehörigen wieder an seine Arbeit, denn allein vom Bewundern kann man kein hungriges Eichhörnchenmäulchen stopfen.

Ticky blieb noch eine Weile in ihrem kuschligen Bett liegen und genoss die heimelige Atmosphäre. Bald wurde ihr das aber zu langweilig und unternehmungslustig sprang sie auf, um die nähere Umgebung zu erkunden. Doch was war das? Verblüfft hielt sie inne und griff sich an die Seite.  Da hing ein Kännchen. Ja, ihr hört richtig, ein Kännchen, ein grünes noch dazu. Es sah aus wie ein kleines Gießkännchen und baumelte bei jeder Bewegung hin und her.

„Hilfe!“ Tickys entsetzter Schrei hallte durch den Wald, und alle, Vater, Mutter, Großvater, Großmutter stürzten entsetzt herbei, gewiss, ihr kleines Mädchen in den Fängen eines Raubtiers vorzufinden. Aber da saß Ticky unversehrt auf ihrem Bett und nestelte aufgebracht an sich herum.

„Was ist los? Warum schreist du so fürchterlich? Du hast uns zu Tode erschreckt“, riefen alle erregt durcheinander.  „Was ist das?“, fragte Ticky und deutete anklagend auf ihr Kännchen.

„Was meinst du, Herzchen?“ wunderte sich die Mutter und beugte sich zu ihr nieder. Nach einem kurzen Blick auf Tickys Ärgernis prallte sie zurück. „Ach, du meine Güte. Was ist denn das? Eine kleine Gießkanne? Ich verstehe nicht…! Und wieso ist die uns nicht schon vorhin aufgefallen?“

„Eine was? Geh zur Seite und lass mich mal durch. Großvater hat Recht. Wenn ihr Frauen nur eine weniger blühende Fantasie hättet, bliebe uns eine Menge Aufregung im Leben erspart“, rief der Vater ungeduldig und drängte sich an seiner Frau vorbei.

Nachdem er jedoch einen Blick auf das Anhängsel seiner Tochter geworfen hatte, kratzte er sich am Kopf und sah nun selbst recht verunsichert drein. „Nun ja. Eigenartig. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Und wozu kann eine Gießkanne gut sein, die nicht einmal Öffnungen besitzt?”

„Von mir kann Ticky diese Eigenart nicht geerbt haben. Ich kenne unseren Stammbaum genau“, beeilte sich die Mutter zu versichern, denn sie fühlte sich schuldig am Missgeschick ihres Töchterchens.

„Keiner gibt dir die Schuld. Warum musst du dich immer gleich angegriffen fühlen?“ entgegnete der Vater ärgerlich. „Allerdings habe ich in meiner Familie genauso wenig von derartigen Vorkommnissen gehört“, konnte er nicht umhin hinzuzufügen.

„Macht Platz, ihr beiden. Lasst mich mal schauen“, ergriff nun die Großmutter das Wort, schob die verstörten Eltern energisch beiseite und ließ sich neben Ticky nieder.“  Die Mutter lief währenddessen ganz aufgelöst hin und her. „Vielleicht wäre es das Vernünftigste den Eichhörnchenarzt aus der Silberpappel zu rufen. Er müsste doch wissen, worum es sich hier handelt“, schlug sie vor.

„Immer mit der Ruhe“, wehrte die Großmutter ab. „Weshalb soll alles, was uns fremd erscheint, gleich eine Krankheit sein? Ticky ist nicht krank. Sie ist sogar äußerst gesund und lebendig, wie ihr alle sehen könnt. Lasst mich mal nachdenken. Mir dämmert irgendetwas.“

Sie verfiel in tiefes Grübeln, während sie gedankenvoll Tickys Kännchen betrachtete. Keiner der Umstehenden wagte einen Laut von sich zu geben, um sie ja nicht zu stören.“

Ticky versuchte währenddessen verzweifelt, das Ärgernis zu entfernen, indem sie an dem vertrackten Kännchen aus Leibeskräften zog und zerrte. Doch vergebens. Das hinterhältige Ding hing an einer Art kurzen Schnur, die wiederum an ihrem Körper festgewachsen war. „Ich hab‟s. Warum bin ich nicht früher darauf gekommen! Ich werde die Schnur einfach durchschneiden. Wo ist eine Schere?“ rief Ticky auf einmal erleichtert aus. Bevor die erschrockenen Eltern eingreifen konnten, hatte

Ticky schon die Schere, die die Großmutter immer in ihrem Strickkorb liegen hatte, an sich gerissen und setzte wild entschlossen zu dem entscheidenden Schnitt an. Doch als der erste Blutstropfen floss und es furchtbar wehzutun begann, ließ sie die Schere fallen und brach in Tränen aus.

„Wein doch nicht so, mein armes Schätzchen. Du wirst sehen, alles wird wieder gut. Nimm es doch nicht so schwer. Wir lieben dich alle, mit oder ohne Kännchen, das musst du uns glauben“, versuchte die Mutter ihre unglückliche Tochter zu trösten.

„Mutter hat recht. Vergiss einfach das Kännchen und sei wieder fröhlich. Es tut dir doch nichts und schadet auch keinem anderen“, bekräftigte sie der Vater.

„Ich will es aber nicht haben“, rief Ticky zornig. „Ihr müsst ja nicht mit so einem albernen Ding herumspringen. Es fühlt sich doof an und außerdem sehe ich absolut lächerlich damit aus. Alle werden mich auslachen.“ Bei dieser Vorstellung begann Ticky herzerweichend zu schluchzen.  Vater und Mutter krampfte sich vor Mitleid das Herz zusammen und sie rückten unbewusst näher zusammen.

„Komm, mein Schätzchen, ich backe dir einen leckeren Haselnusskuchen. Etwas Süßes tröstet immer und vielleicht fällt uns dabei eine Lösung ein“, versuchte die Mutter ihre Kleine abzulenken.

„Und anschließend zeige ich dir, wie man gute von tauben Nüssen unterscheidet. Das ist spannend und lebensnotwendig obendrein“, lockte der Vater sein schmollendes Töchterchen.

Aber Ticky wollte sich weder trösten noch ablenken lassen, sondern sprang zu ihrem Bett zurück und verkroch sich schmollend unter der Bettdecke.

Da ergriff die Großmutter, die sich durch die Aufregung nicht hatte aus der Ruhe bringen lassen, erneut das Wort. „Meine Urgroßmutter erzählte uns Kindern früher einmal, dass in diesem Wald von Zeit zu Zeit ein Eichhörnchenkind geboren wird, das ein Kännchen besitzt“.

„Warum und wozu?“, riefen alle wie aus einem Mund und wandten sich ihr gespannt zu. „Das wusste sie auch nicht“, bedauerte die Großmutter. „Es ist irgendein Geheimnis damit verbunden. Auf jeden Fall ist es nichts Schlechtes oder Gefährliches, daran erinnere ich mich genau. Und das ist doch die Hauptsache, meint ihr nicht?“

„Nein, nein und nochmals nein. Das finde ich ganz und gar nicht. Es ist mir gleich, ob es schlimm ist oder nicht“, rief Ticky aufgebracht und tauchte unter ihrem Bettzeug wieder hervor. „Ich will es einfach nicht haben. Warum muss ausgerechnet ich so etwas Abscheuliches besitzen? Das ist so gemein.“ Zornentbrannt stampfte Ticky mit ihrem kleinen Fuß auf den Boden.

„Es ist unrecht, so zu sprechen“, sprach nun der Großvater, der sich bis dahin schweigend im Hintergrund gehalten hatte. Alle drehten sich erwartungsvoll zu ihm um. „Weißt du etwas darüber Großvater?“, fragten sie hoffnungsvoll, da seine Stimme so ernst und eindringlich geklungen hatte.

„Nicht viel mehr als Großmutter schon berichtet hat, leider. Doch immerhin genug, um ehrfürchtig damit umzugehen“, entgegnete der Großvater bedächtig.

„So erzähl doch endlich was du weißt“, drängten ihn die drei Erwachsenen ungeduldig, während sich Ticky erneut betont desinteressiert auf ihre Liegestatt verzog.

Der Großvater kratzte sich gedankenvoll hinter dem Ohr. „Als ich damals ein ebenso kleiner Hüpfer war wie unsere Tikky jetzt, belauschte ich zufällig ein Gespräch meiner Eltern. Es war früher Abend und sie kehrten gerade von einem Besuch heim, den sie bei einer Eichhörnchenfamilie am anderen Ende des Waldes gemacht hatten. Dort war kurze Zeit vorher ein Eichhörnchenkind geboren worden, und denkt euch, auch jenes besaß ihrer Erzählung nach ein Kännchen, wie unsere kleine Ticky eines trägt. Meine Eltern sprachen voller  Ehrfurcht darüber, und es fielen Worte wie: ‚Geheime Kräfte, Zauber, Freudenbringer„.“ Der Großvater hielt inne und starrte in die Ferne. „Was für Kräfte, Großvater, sag es uns“, bestürmten ihn nun alle höchst aufgeregt.

Doch dieser schüttelte bedauernd den Kopf. „Ich sagte doch schon, dass ich es nicht weiß. Ist das aber so wichtig? Es wird sich möglicherweise zu gegebener Zeit herausstellen, welche Bewandtnis es mit diesem Kännchen hat. Nur Geduld. Und wenn nicht, nun gut. Es gibt Dinge in diesem Wald, die wir niemals erklären können. Geheimnisse, die keiner jemals lüften wird. Sie geschehen einfach. Wer das nicht wahrhaben will, wird ewig unzufrieden bleiben in seinem Leben.“

Der Großvater trat zu Ticky, streichelte ihr über das gesenkte Köpfchen und sprach: „Schau mich an, kleines Mädchen. Wehre dich nicht gegen das, was das Leben dir auferlegt. Es lohnt sich nicht, glaube mir. Du verschwendest damit nur kostbare Zeit und Kraft. Wende beide nutzbringender an.“

Ticky blickte lange in die ernsten, klugen Augen ihres Großvaters. „Ich möchte doch so gerne einfach nur wie alle anderen Eichhörnchen sein und nicht etwas Besonderes“, wagte sie einzuwenden.

„Leider werden wir Eichhörnchen vom Schicksal nicht gefragt, was wir wollen. Hör auf deinen Großvater, Kleines, und nimm es an, dein Kännchen“, fiel die Großmutter ein. „Ein jeder von uns hat irgendetwas aufgebürdet bekommen, das er am liebsten wieder loswerden möchte. Wenn du mit offenen Augen durch die Welt gehst, wirst du das erkennen.“ „Richtig, Und nicht selten erweist sich ein vermeintlicher Fluch schließlich sogar zum Segen.“

„Ich werde niemals dieses blöde Ding als Segen ansehen, da könnt ihr Gift drauf nehmen“, schimpfte Ticky übellaunig. „Wie du meinst. Doch nun spring los, kleiner Poltergeist, und schau dich um in unserem herrlichen Wald. Und beobachte sehr genau, denn das bringt dir sicher ganz neue Erkenntnisse“, empfahl der Großvater seiner mürrischen Enkelin.

Auch wenn Ticky wenig beschwichtigt war, folgte sie seinem Vorschlag und strecke ihr Näschen schnuppernd nach draußen. Eine wahre Fülle an aufregenden Düften, Farben und Geräuschen stürmten auf sie ein, sodass sie augenblicklich alle Sorgen, lästigen Kännchen, geheime Kräfte und Zukunftssorgen vergaß. Die kleine Ticky warf sich dem verlockenden Ruf des Waldes regelrecht entgegen. Eifrig begann sie die Gegend um ihren Wohnbau herum zu erkunden. War das herrlich!

„Ich grüße euch, ihr gelben Himmelschlüssel und weiße Anemonen. Ihr riecht einfach himmlisch“, rief sie laut. „Hallo Wind, schau, ich lass mich von dir tragen“, quietschte sie übermütig und wagte einen ungelenken Sprung zum nächsten Ast hin. Oben in der Baumkrone saß sie dann, ordnete ihr zerzaustes Fellkleid und rollte schon recht elegant ihr buschiges Schwänzchen in Positur.

Kurze Zeit später war Ticky völlig fasziniert von einem riesigen Falter, der sich auf einer Glockenblume niedergelassen hatte und seinen langen Rüssel genüsslich in deren Blütenkelche versenkte.

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„Ich bewundere ihren Fleiß, Herr Specht“, grüßte sie anschließend einen verbissen hämmernden Buntspecht und huschte an ihm vorbei den Baumstamm hinab.

„Du hast gut reden. Auf dich wartet keine ständig nörgelnde Ehefrau. – ‚Schatz, dieser Wurm ist viel zu zäh, diese Made zu fett, der Käfer zu hart. Anscheinend liebst du mich nicht mehr, sonst würdest du dir mehr Mühe geben„. – So geht das den lieben, langen Tag. Dabei platzt mir schon beinahe der Schädel vor lauter Anstrengung“, beklagte sich der Specht und hämmerte seinen Frust in den Baum hinein.

Ticky machte sich schnell aus dem Staub.

Eine Amselmutter, die unten auf dem Boden einen verbissenen Kampf mit einem eigensinnigen Regenwurm führte, der partout wieder in seinem Loch verschwinden wollte, anstatt ihren hungrigen Kindern als Nahrung zu dienen, rief zu ihr hoch: „Du siehst so niedlich aus, Ticky. Ganz besonders hübsch und adrett. Und außerdem bist du mit dir rundum zufrieden und fröhlich. Deine Familie darf sich glücklich schätzen. Meine Kinder sollten sich einmal ein Beispiel an dir nehmen. Sie bringen mich noch zur Verzweiflung mit ihrer ewigen Nörgelei, ihrem Dreck und ihrem Gezänk.“

Ticky lag schon eine Richtigstellung auf der Zunge, doch dann verkniff sie sich diese und huschte nachdenklich weiter.

Die Meisenkinder im Holunderbusch gleich nebenan wiederum reckten ihre nackten Hälse über den Nestrand und piepsten: „Hallo Ticky. Du hast es gut! Du kannst schon alleine herum hüpfen und musst nicht halbblind in so einem dämlichen Nest sitzen, dich von unverschämten Milben anzapfen lassen und hoffen, dass deine ständig genervten Eltern endlich etwas zu futtern auftreiben. Was interessiert es sie, dass wir uns langsam zu Tode langweilen!“

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Ticky rief den kleinen Klagegeistern aufmunternd zu: „Habt noch ein wenig Geduld. Bald werden wir gemeinsam hüpfen.“

Ein Kuckuckspaar saß in einer Lerche und beobachtete selbstzufrieden wie sich ein Pirol und seine Frau abmühten ein riesiges, ungeheuer verfressenes Junges zufriedenzustellen. „Schau dir bloß die beiden Dummköpfe an. Die haben überhaupt nicht gemerkt, dass ihre eigenen, mickrigen Eier von einem Tag auf den anderen verschwanden und stattdessen ein einziges, unnatürlich großes Ei in ihrem Nest lag. Nein, stattdessen platzen sie jetzt auch noch geradezu vor Stolz, ein derartiges Riesenkind zustande gebracht zu haben“, lachte die Kuckucksfrau hämisch.

„Ja, und deswegen brauchen wir auch kein schlechtes Gewissen zu haben, auf Kosten anderer zu leben. Blödheit muss bestraft werden“, erwiderte der Kuckucksmann spöttisch und ließ seine Schadenfreude lauthals durch den Wald erschallen.

Ticky war tief empört über so viel Unverfrorenheit, wagte aber keine Einmischung. Doch im Stillen musste sie der Großmutter Recht geben, dass offensichtlich auch andere Waldbewohner ihre ganz eigenen Kümmernisse hatten.

Überall, wo Ticky auftauchte, wurde sie herzlich willkommen geheißen. „Wie freundlich hier alle sind. Jeder mag mich anscheinend so, wie ich bin. Keiner fragt nach meinem Kännchen. Ob sie es etwa nicht gesehen haben? Warum habe ich mir nur so dumme Sorgen gemacht? Ich bin das glücklichste Eichhörnchen des ganzen Waldes.“

Auf einmal erklangen ganz in ihrer Nähe laute Freudenschreie und als sie sich suchend umsah, erspähte Ticky auf einer weiter entfernten Tanne einen Eichhörnchenjungen, der dermaßen halsbrecherische Sprünge vollführte, dass einem schon allein beim Zusehen ganz schwindlig wurde.

Begeistert hüpfte Ticky eilig zu ihm hinüber und rief bewundernd: „Wie macht du das bloß? Kann ich das auch lernen? Bitte zeige es mir doch!“

Der so Angesprochene warf Ticky von der Seite her einen kurzen, musternden Blick zu. „Oh je, das hat mir gerade noch gefehlt! Ein eben erst aus dem Nest gekrochener Zwerg, kaum trocken hinter den Ohren. Der hat mir gerade noch gefehlt“ stellte er herablassend fest und turnte weiter durch die Äste.

Die erwartungsvolle Freude erlosch jäh in Tickys Augen. Empört richtete sie ihren Schwanz steil in die Höhe. „Auch wenn ich noch nicht so geschickt bin wie du, ist das noch lange kein Grund so hochnäsig zu mir zu sein. Schließlich kann ich nichts für mein Alter. Und so viel erwachsener scheinst du auch nicht zu sein. Also gib bloß nicht derartig an“, warf sie ihm trotzig entgegen.

So einen Ton war der Luftkünstler von einem Neuling nicht gewohnt. Ruckartig hielt er mitten in einem Sprung inne, machte kehrt und unterzog nun Ticky einer eingehenden Musterung. Auch wenn es dieser nun etwas mulmig zu Mute wurde, hielt sie den herausfordernden Blicken tapfer stand. Er sah gut aus, dieser vorlaute Kerl, musste sich Ticky eingestehen. Auffallend waren an ihm ein weißer Kehlfleck, wache Augen und eine stramme Haltung.

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„Was trägst du da Seltsames mit dir herum?“, wollte das kleine Großmaul nach einer scheinbaren Ewigkeit wissen und deutete herausfordernd auf Tickys Kännchen.  „Warum? Hast du ein Problem damit?“ ging sie vorsorglich in Verteidigungsstellung und versuchte vergeblich das Kännchen mit ihrem buschigen Schwänzchen zu verdecken.  „Ja, es stört mich in der Tat, weil du nämlich damit wie eine Witzfigur aussiehst und ich wenig Lust habe, mich mit dir lächerlich zu machen. Geh heim und versteck dich lieber, bevor der ganze Wald über dich zu lachen anfängt.“

Ticky versteifte sich vor Scham und Empörung. „Weißt du was? Du kannst mir gestohlen bleiben. Ich brauche dich nicht, du Angeber“, fauchte sie, wandte sich um und hüpfte, den Kopf hocherhoben, in weiten Sprüngen in Richtung Heimatbaum davon. Dort angekommen, verkroch sie sich jedoch schleunigst in ihr Bett und brach in heftiges Weinen aus.

Der Großvater, der gerade sein Mittagsschläfchen hielt, wurde von dem jämmerlichen Geräusch geweckt. Gähnend stand er auf und schlurfte zu seinem bekümmerten Enkelkind hinüber. „Na, na, na, wer wird denn so weinen. Was macht dir das Herz so schwer?“, fragte er teilnahmsvoll, setzte sich zu ihr und fuhr Ticky begütigend über den zuckenden Rücken.

„Ich bin so unglücklich! Ich habe doch gleich gesagt, dass mir dieses vermaledeite Kännchen nur Ärger einbringen wird“, schluchzte Ticky herzerweichend.

„Nun mal langsam. Erzähl mir was passiert ist“, forderte sie der Großvater beschwichtigend auf. Nachdem ihm Ticky wortreich und unter lautem Schniefen ihr ernüchterndes Erlebnis mit dem hochnäsigen Jungen geschildert hatte, meinte er ruhig: „Ach, und wegen einem einzigen, vorlauten Lümmel lässt du dir den schönen Tag derart vermiesen?“

Ticky starrte unglücklich vor sich hin. „Ich habe heute so viel Interessantes gesehen und gehört und dabei das Kännchen beinahe vergessen. Aber das, was der gemeine Kerl zu mir gesagt hat, tat so weh. Kannst du das nicht verstehen?“

Der Großvater musterte seine kleine Enkelin voller Zärtlichkeit. „Doch, kleiner Ringelschwanz. Besser als du denkst. Auch ich musste in deinem Alter sehr viele solcher schmerzhaften Lektion wegstecken. Gerade deshalb versuche ich, dich gegen derartige Angriffe zu wappnen, damit ein Lausebengel wie dieser keine Chance mehr hat, dich zu verletzten.“

„Weißt du, ich habe mich bemüht, ihm nicht zu zeigen, wie sehr er mich verletzt hat. Aber ich komme mir wie eine Missgeburt vor. Ich glaube nicht, dass ich mich jemals damit abfinden werde, von allen dumm angemacht zu werden“, stammelte Ticky unglücklich.

„Wirklich von allen? Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Übertreibst du da nicht?“

„Schon, die übrigen Waldbewohner waren alle sehr freundlich und haben kein Wort über mein Kännchen verloren“, musste Ticky ehrlichkeitshalber eingestehen. „Aber das besagt gar nichts. Das sind doch keine Eichhörnchen“, fügte sie mürrisch hinzu.

„Ach, das finde ich sehr interessant. Und wie sieht das mit deiner Familie aus? Haben wir je über das Kännchen gelacht oder dir das Gefühl gegeben, dich deswegen womöglich weniger zu lieben? Oder zählt das etwa auch nichts?“ erkundigte sich der Großvater interessiert.

„Doch, aber ihr seid meine Familie und müsst das sagen“, murmelte Ticky leicht aus der Fassung gebracht.

„Sei dir da mal nicht so sicher, Kind. Es gibt Familien, die ihre Kinder aus einem derartigen Grund verstoßen oder sich ihrer zeitlebens schämen. Unvoreingenommene Liebe ist leider auch unter Verwandten bei Weitem keine Selbstverständlichkeit.“

Ticky starrte den Großvater entsetzt an. Welch grauenhafte Vorstellung. Rasch rückte sie näher an den Großvater heran und schmiegte sich an ihn.„Weshalb konnte dieser unverschämte Kerl nicht einfach mein Kännchen übersehen? Ich wollte doch lediglich von ihm erfahren, wie er seine tollen Sprünge schafft.“

„Zunächst einmal musst du ihm zugutehalten, dass es normal ist, dass er sich über dein Kännchen wunderte. Schließlich ist es kein alltäglicher Anblick“, versuchte der Großvater Ticky zu erklären.

„Da muss ich deinem Großvater Recht geben. Du solltest so fair sein, anderen das zugestehen, was du für dich in Anspruch nimmst“, nickte die Großmutter, die den letzten Teil der Unterhaltung mitbekommen hatte.“

„Wie meinst du das?“ fragte Ticky unlustig.

„Nun, schließlich warst selbst du beim Anblick deines Kännchens fassungslos und wir anfangs erschrocken und ratlos, oder etwa nicht? Weshalb soll es Fremden dann anders ergehen?“

Ticky wusste auf diese Worte nichts zu erwidern.

„Siehst du. Wie würdest du beispielsweise reagieren, wenn plötzlich ein Eichhörnchen mit kleinen Hörnchen vor dir stünde?“

Ticky musste bei dieser Vorstellung ungewollt auflachen.

„Du solltest wissen, dass uns Eichhörnchen alles Ungewohnte verunsichert. Und um diese Unsicherheit zu überdecken, versuchen wir oft das Beängstigende lächerlich zu machen oder mit Grobheit zu bekämpfen. Doch wenn du das weißt, lässt du dich davon nicht mehr so schnell aus der Fassung bringen oder gar verletzen.“

„Aber deswegen muss dieser Rüpel trotzdem noch lange nicht so beleidigend zu mir sein. Schließlich habe ich ihm nichts getan“, brummte Ticky trotzig.

„Möglicherweise war dein Kännchen für ihn auch nur ein guter Anlass, dich zu beleidigen“, warf der Großvater ein. „Willst du damit sagen, der blöde Kerl wäre auch ohne mein Kännchen so unverschämt gewesen?“

„Ja, Kindchen, sehr wahrscheinlich. Irgendetwas in seinem Inneren muss ihn dazu gedrängt haben.“

„Was könnte das sein?“fragte Ticky äußerst skeptisch.

Der Großvater packte Ticky bei den Schultern und zwang sie, ihm in die Augen zu schauen. „Finde es heraus. Hier im Bett wirst du das Geheimnis allerdings nicht lüften. Spring los und studiere genau, wie sich deine Artgenossen und die übrigen Bewohner des Waldes in verschiedenen Situationen verhalten und du wirst noch große Augen machen. Nur was man versteht, kann keine Macht über einen ausüben“, entgegnete der Großvater, erhob sich und schubste Ticky sanft in Richtung Ausgang. „Wenn dir wirklich etwas an der Gesellschaft besagten Lausebengels liegt, dann zeige ihm, wer du bist und dass du dir sein Verhalten nicht gefallen lässt. Das bist du dir selber schuldig“, mahnte er dabei eindringlich.

„Ja, du hast Recht. Das werde ich. Was bildet der sich eigentlich ein. Schließlich ist er auch nur ein Eichhörnchen“ rief Ticky mit plötzlich aufblitzenden Augen.

Der Großvater lächelte. „Welch weise Erkenntnis. Ich sehe, wir machen Fortschritte. Du hältst dich nicht länger für einen bedauernswerten Fußabtreter. Allerdings glaube ich nicht, dass du mit einem derart traurig herabhängenden Schwänzchen sehr respekteinflößend wirkst. Oder bist du da anderer Meinung?“

Ticky blickte betreten an sich herunter und schüttelte dann den Kopf.

„Das meine ich aber auch. Merke dir genau: Erst durch dein Verhalten ziehst du die Aufmerksamkeit der anderen auf dich – im guten wie im schlechten Sinn! Also hoch damit, spring los und erobere dir den Wald, mein Kind.“

Das ließ sich Ticky nicht zweimal sagen, denn sie hatte gerade ihren Vater entdeckt, der nach ihr Ausschau hielt. Am Ausgang hielt sie jedoch nochmals inne: „Sag Großvater, werden eigentlich nur Eichhörnchenmädchen mit solch einem Kännchen geboren?“

„Nein“, schüttelte der Großvater beruhigend den Kopf. „Wie ich euch schon neulich berichtete, sprachen meine Eltern damals eindeutig von einem Jungen.“

Ticky atmete erleichtert auf. „Na, wenigstens müssen nicht nur wir Frauen uns mit so lästigen Anhängseln herumplagen“, stellte sie voller Genugtuung fest und schon war sie mit ein paar Sätzen bei ihrem Vater.

„Willst du mit mir mitkommen, um ein paar Eicheln zu sammeln? Mutter möchte heute Abend einen Eichelauflauf machen, und ich muss mich gehörig tummeln, um noch eine ordentliche Portion zusammen zu bringen. Zu zweit ginge es bedeutend schneller“, schlug er ihr vor.

Begeistert kam Ticky seiner Aufforderung nach und sprang ausgelassen an seiner Seite einher. Jedoch schon bald begann sie zu maulen und vergessen waren alle ihre guten Vorsätze. „Dieses blöde Kännchen ist zum Mäusemelken. Wenn ich es doch irgendwie loswerden könnte.“

Der Vater blieb stehen und fragte mitfühlend: „Tut es denn weh? Ich bin ganz traurig, dass ich dir nicht helfen kann.“

„Nein, überhaupt nicht. Es stört nur schrecklich beim Springen, weil es dauernd gegen mein Bein schlägt und außerdem werde ich dadurch ständig daran erinnert, dass es da ist“, meuterte Ticky.

„Wie schade, dass du dich nicht damit abfinden kannst. Es macht mich so traurig, dass ich dir nicht helfen kann“, stellte der Vater bedrückt fest.

Ticky zog schuldbewusst den  Kopf ein. Sie wollte dem Vater um keinen Preis Kummer bereiten. „Du kannst doch nichts dafür. Ich gebe mir auch wirklich alle Mühe, mich daran zu gewöhnen. Doch immer, wenn ich meine, es geschafft zu haben, kommt etwas dazwischen.“

Etwas hilflos riet ihr der Vater: „Versuche es einfach zu ignorieren. So gewöhnst du dich am schnellsten daran. Wer weiß, wozu es dir noch einmal nützlich ist.“

Das sollte sich allerdings schon im nächsten Augenblick dramatisch erweisen. Zu sehr in ihr Gespräch vertieft, hatte der Vater nämlich seine gewohnte Wachsamkeit sträflich vernachlässigt, ohne die ein Überleben im Wald unmöglich ist. Selbst den warnenden Ruf einer Elster hörte er zu spät. Dieser verhängnisvolle Fehler bot einer verwilderten Katze, die hungrig die Gegend durchstreifte, die Gelegenheit, sich unbemerkt anzuschleichen. Ticky war in ihren Augen ein verlockender Braten, gerade richtig für ein leichtbekömmliches Mittagsmahl.

Als nun Vater und Tochter eifrig den Boden unter einer  mächtigen, alten Eiche nach besonders großen, leckeren Eicheln absuchten, sprang die Katze urplötzlich aus ihrem Versteck im Gebüsch und hatte Ticky an den HüfteIMG_0007n gepackt, bevor das kleine Eichhörnchen auch nur den Lufthauch des anspringenden Feindes gespürt hatte. Gellend schrie Ticky auf in ihrer Todesangst. Im selben Augenblick plumpste sie aber auch schon wieder zu Boden und blieb dort starr vor Schreck liegen.

„Aua, aua, aua, mein Zahn! Ich habe ihn mir ausgebissen. Bist du aus Eisen? So eine Ungeheuerlichkeit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht zugestoßen. Da freue ich mich auf einen saftigen Leckerbissen und büße stattdessen einen meiner wertvollsten Zähne ein“, hörte sie die Katze wimmern, die sich das Maul mit ihrer Pfote rieb. Sie hatte auf Tickys Kännchen gebissen.

Während die verstörte Jägerin nicht aufhören konnte, über das ihr zugefügte Unrecht zu lamentieren, hatte sich Tickys Vater von seinem Schock erholt. Er schnappte sich seine kleine Tochter, schleuderte sie in Richtung Eichenstamm und schrie: „Spring, so schnell du kannst hinauf, schau dich ja nicht um und lauf nach Hause!“

Ticky sprang wie befohlen in mächtigen Sätzen Richtung Baumkrone. Dort blieb sie allerdings wie betäubt hocken und hielt verstört nach ihrem Vater Ausschau. Dieser warf sich gerade mit einem waghalsigen Sprung auf die Katze und begann wie wild ihr  Gesicht mit den Krallen zu bearbeiten…..

 

Seid ihr neugierig, wie es mit Ticky weiterging und welch ein Geheimnis das so ungeliebte Kännchen in sich birgt?