Karin Schneider-Jundt – Liedermacherin & Autorin im Rheingau

Illustration einer Sonne

Blog ⋅ Karin Schneider-Jundt

Meine Freundin, die Brennnessel

Heute Nachmittag ging ich in den Garten, um mir Brennnesseln zu holen. Ich liebe die Brennnessel, dieses meist als unschön und lästig verpöntes Unkraut, und reserviere ihr in meinem Garten immer mehrere Stellen, an denen sie wachsen darf. Nicht nur, weil einige Schmetterlingsarten die Brennnessel unbedingt zum Überleben benötigen. Denn wenn wir sie ausrotten in unseren Gärten, rauben wir auch diesen zarten, wunderschönen Wesen, die uns den Sommer verschönen, den Lebensraum. Sondern, weil ich im Frühjahr immer besonders Hunger auf Brennnesselgemüse habe. Die Brennnessel besitzt unzählige, kostbare Eigenschaften. Sie ist unter anderem ein Gemüse, das als Grundnahrungsmittel geeignet ist. Daher verstehe ich nicht, warum diese Pflanze im Garten von vielen immer noch als Unkraut bekämpft wird. Als Frühjahrskur wirkt sie Wunder, indem sie unter anderem all die Schlacken des Winters aus dem Körper ausspült, das Immunsystem anregt und die Haare kräftigt. Ein Bekannter, der Kaninchen züchtet, erklärte mir zu meinem Erstaunen, dass das erste, das diese Tiere im Frühjahr zu sich nehmen, Brennnesseln sind. Aber auch das ganze Jahr über bereite ich mir ein Essen daraus zu, wenn die Brennnessel sich zu üppig zwischen meinen Himbeeren auszubreiten versucht.

Meine Kindheit verbrachte ich in Siebenbürgen und dort wurden Brennnesseln...

Meine Kindheit verbrachte ich in Siebenbürgen und dort wurden Brennnesseln wie Spinat zubereitet. In der Stadt konnte man keinen Spinat anbauen, und ihn zu kaufen war für die meisten zu teuer. Aus diesem Grund erhielten die Brennnessel-Speisen die recht undankbare Bezeichnung des “Arme-Leute-Essens.” 

Die Menschen haben vermutlich vergessen (oder nicht erlebt), dass dieses „Unkraut“ in Kriegszeiten dazu beigetragen hat, dass die Bevölkerung überleben konnte. Ich bin dankbar, dieses Gewächs in meinem Garten kultivieren zu können. Heutzutage, wo in der freien Natur so oft Gift versprüht wird oder Hunde darauf ihr Geschäft verrichten, ist mir das bedeutend angenehmer und sicherer. Außerdem finde ich, dass es im Vergleich zu Spinat viel herzhafte ist im Geschmack. Allerdings muss man sein besonderes Aroma mögen. 

Ich zog mir also heute lange Hosen und eine langärmlige Bluse an und streifte mir Gummihandschuhe über. Das empfiehlt sich, wenn man es mit dieser Pflanze zu tun hat, auch wenn sich manche Menschen in die Nesseln legen, um ihr Rheuma dadurch zu lindern. Ich bin nicht so mutig zu versuchen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Eigentlich soll man ja die zarten Neuaustriebe pflücken. Aber ich nehme schon seit Jahren die ganze Pflanze – samt Samen – ohne, dass ich wusste, dass gerade den Samen eine besondere Bedeutung zukommt – und verarbeite das Brauchbare. Mit dem Passierstab lässt sich alles gut zerkleinern. 

Als ich aus Versehen einem Ausläufer, der sich am Boden zwischen den Himbeeren versteckt hatte,...

Als ich aus Versehen einem Ausläufer, der sich am Boden zwischen den Himbeeren versteckt hatte, zu nahe kam und das an einer unbedeckten Stelle meines Beines schmerzhaft zu spüren bekam, fluche ich erbost:

„Warum musst du mir weh tun, du undankbares Miststück. Ist das jetzt der Dank? Pass auf, dass ich dich nicht doch noch aus meinem Garten entferne!!!“

Ich hatte nicht wie sonst eine Gartenschere dabei, war aber zu faul, eine zu holen und glaubte, die teilweise harten, holzigen Stängel einfach abbrechen zu können. Das ging auch problemlos. Außer, ich fasste etwas derber zu oder zog ungeduldig daran. Dann hielt ich plötzlich den Stängel samt Wurzel und kleinen Austrieben am Schaft in der Hand. Da wurde mir plötzlich bewusst, wie verletzlich und empfindlich diese so unfreundlich und wehrhaft erscheinende Pflanze in Wahrheit ist.

Ich bedauerte meine Unvorsichtigkeit, als ich so einen entwurzelten Stängel in der Hand hielt. Doch dann, als ich die Stelle genauer in Augenschein nahm, aus der die Pflanze aus dem Boden emporwuchs, verstand ich erleichtert, warum man dieses Gewächs nicht so leicht ausrotten kann. Auch, wenn man einen Teil ihrer Stängel ausreißt, bleibt ihr unterirdisches, weit verzweigtes Wurzelgeflecht erhalten und unsichtbar. Im Verborgenen kann sich die Pflanze wieder erholen und neu austreiben. Als ich dann auf der Terrasse saß um das Bündel Brennnesseln zu putzte, äußerte sich die Empfindlichkeit der Pflanze noch auf eine andere Weise. Sie ließ schon ein paar Minuten nach dem Ernten die Blätter schlaff hängen. Man muss sie sofort verarbeiten. Und auch die gefürchteten Nesseln werden, wenn man die Pflanze kurz mit heißem Wasser übergießt oder zwischen einem Tuch rollt, unschädlich gemacht; und man kann sie problemlos ohne Handschuhe für den Kochtopf zerkleinern.

Während ich mich der Zubereitung der Brennnessel widmete,...

Während ich mich der Zubereitung der Brennnessel widmete, ließ ich meine Gedanken weiter wandern. Vielleicht hält diese Pflanze uns Menschen auf so schmerzhafte Weise von sich fern, weil sie so empfindlich, so verletzlich ist. Durch diese Waffe schützt sie aber nicht nur sich, sondern die Schmetterlinge, deren Fortbestehen von ihr abhängen.

Die Natur ist klug. Alles hängt voneinander ab. Nur wir Menschen sind blind für derartige Zusammenhänge und verwerfen als Unkraut oft gerade das, was uns selbst das Überleben erleichtern und die Gesundheit stärken oder gar erhalten könnte. Die Brennnessel weiß nichts von ihren Nesseln und warum sie ein Unkraut sein soll. 
Sie ist einfach da, will leben und sich entfalten. 
Sie erfüllt ihre Bestimmung und strahlt dadurch eine große Würde aus, die mich anrührt.
Sie will uns nicht absichtlich weh tun. Und wenn wir uns ihr auf die richtige Weise nähern, kann sie uns nicht verletzen
Wenn wir ihr einen Lebensraum gönnen, beschenkt sie uns selbstlos mit sich selbst, weil sie diese große Kraft der Erneuerung in sich trägt.
Und wenn wir uns Zeit nehmen, sie näher kennen zu lernen, kann sie uns vieles über uns selber offenbaren, denn die Natur ist der beste Lehrmeister. 

Gehen wir mit unseren Mitmenschen nicht meist ebenso gedankenlos und gnadenlos um, wie mit der ungeliebten Brennnessel? Beurteilen, verurteilen, werten, verachten?

Ich habe eine Brennnessel als Freund...

Ich lernte, mit den gelegentlichen Verbrennungen umzugehen, die ich zwangsläufig durch sie erlitt.
Ich begriff, dass sie nicht mir galten.
Die Gaben, die Lehren die ich dadurch erlange, stellen einen unschätzbaren Wert für mich dar.

Tragen wir nicht alle ein Nesselgewand und hoffen, dass es jemanden gibt, der uns dennoch annimmt und unsere wahre Natur erkennt?

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